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Rezensionen von Elisabeth Simon-Pätzold

Yvan Pommaux
Achtung, Ungeheuer!
2001 Moritz Verlag
ISBN-10: 3-89565-127-3

Empfohlen ab 5
cover

In "Achtung, Ungeheuer! erzählt Yvan Pommaux zwei Geschichten, die eine vorwiegend mit Wörtern, die andere vorwiegend mit Bildern. Beide stehen in einem kontrapunktischen Verhältnis zueinander. Das antithetische Prinzip ist das strukturbestimmende Gestaltungsmittel des Buches.
Dies wird äußerlich sichtbar an der Trennung von offenen Textteilen und hart abgegrenzten Bildern. Zwischen den Text sind fließend gehaltene Federzeichnungen gestellt, die den Text illustrieren. Hier wird die Geschichte der beiden Ratten erzählt, die eine Wette miteinander abschließen, ob heutige Kinder noch ebenso mutig und phantasievoll und praktisch sind wie die Kinder früherer Zeiten. Graufell hält die heutigen Kinder für Memmen und lässt kein gutes Haar an ihnen, Rotpelz findet sie ganz in Ordnung und weist die Kritik Graufells zurück. So kommt es zu der Wette. In den abgegrenzten Bildern, die entweder ganze oder halbe Seiten oder postkartengroße Formate haben, wird die zweite Geschichte von den Kindern Silvie und Leon und dem Kuscheltier Schätzelchen erzählt. Innerhalb dieser Bilder gibt es "Sprechblasen", also einen Textanteil, der in umgekehrter Proportion zum Text der Rattengeschichte steht.

Pommaux’s Bilder sind stilisierte, dramatisch hoch geladenen, kolorierte Zeichnungen. Nichts ist hier naturgetreu, lieblich oder harmonisch. Der Bildaufbau ist durch extrem harte Linien gekennzeichnet, die oft mehrfach diagonal das Bild durchschneiden. Scharfe Wellen, dicke Wolken, beängstigende Architektur, harte Helldunkel-Kontraste sind typisch. Es gibt sehr viel Aktion auf den Bildern. Die Augen folgen zickzackartigen Bewegungen, was oft durch die weißen Blitze der "Sprechblasen" noch verstärkt wird. Hier schießen die Ereignisse, Naturgewalten und Bedrohungen nur so hin und her. Dazwischen wirken die ebenfalls stilisierten Figuren der Kinder wie verlorene Winzlinge.
Die Farben sind unwirklich, grell das Licht, unecht die Natur, düster und grauenerregend die nächtliche Bedrohung. Die Formen sind Zeichen, die man liest wie Wörter. Es ist klar, hier haben wir es mit den Gestaltungselementen des Comic zu tun.
Dennoch ist dieses Buch kein Comic, sondern es bedient sich unter anderen der Comic-Technik, um sie einzubinden in eine größere Komposition. Diese ähnelt einem Tonfilm, der einen visuellen und einen akustischen Kanal zusammenführt zu einem audiovisuellen Erlebnis. Die Textgeschichte der Ratten ist dabei der den Bildern unterlegte akustische Teil. Die Bilder sind der visuelle Teil. Sie sind derart lebhaft durch ihre dramatische Linienführung, dass durchaus der Eindruck von bewegten Bilder entsteht. Die Einflüsse moderner Medien und neuer Sehgewohnheiten der Kinder sind hier besonders zu beobachten.
Das Buch ist aber auch keine Imitation eines Filmes. Es ist bewusst ein Buch. Es stellt all die beschriebenen Gestaltungselemente in den Dienst einer interessanten Bildergeschichte, also eines Bilderbuches im besten Sinne.
Text und Bild sind gegenläufig. Die beiden Ratten streiten miteinander und formulieren diametral unterschiedliche Positionen über die "heutigen Kinder", eine konservative und eine fortschrittliche und wetten gegeneinander. Sie provozieren eine Herausforderung, in der sich beweißen muss, wer Recht hat. Diese Spannung muss nun in der zweiten Geschichte aufgelöst werden. Die Kinder der Comic-Geschichte sind also Spielbälle einer höheren Macht und sie müssen sich unter drohenden Gefahren bewähren. Schon diese Ausgangssituation enthält phantastische Elemente. Deshalb wundert es nicht, dass die Bewährung der Kinder nur gelingen kann mit Unterstützung phantastischer Hilfen. Schätzelchen muss eingeschaltet werden. Uns was ist das Medium? Ein Buch! Weil dieses ein französisches Kinderbuch ist, ist das Medium eine "Enzyklopädie". Der Erwachsene schmunzelt.

Hier stehen sich krasse Gegensätze gegenüber: Tiere und Menschen, das Gute und das Böse, Zivilisation und Natur, Alt und Jung, Phantastisches und Reales. Auf der Ebene der Gestaltung sind es geschlossene und offene Formen, narrative Bilder und dialogische Texte und zwei gegenläufige Handlungsstränge. Gelingt eine Synthese? Natürlich! Und selbstverständlich müssen die Protagonisten der einen Geschichte in Berührung mit den Protagonisten der anderen Geschichte kommen. Sie müssen beide aus ihrem Rahmen fallen, was bei so extremen Antipoden nicht ganz einfach ist.
Darin liegt der Reiz der Geschichte für Kinder. Sie können die Sprache der Comics lesen. Sie verstehen aber ebenso gut die hinterhältige, infame Verleumdung und die Vorurteile der grauen Ratte. Sie hat allen Grund etwas an den Kindern gut zu machen und dass die Kinder siegen, ist nur recht und billig, wum, gromm, wup..

Über Elisabeth Simon-Pätzold

 

 

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© 2003 - 2008 Elisabeth Simon-Pätzold

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