Rezensionen von Elisabeth Simon-Pätzold
Kate DiCamillo
Despereaux. Von einem der auszog das Fürchten zu verlernen
2004 Dressler
ISBN-10: 3-7915-2799-1
Empfohlen ab 10
Despereaux. Von einem der auszog das Fürchten zu verlernen
2004 Dressler
ISBN-10: 3-7915-2799-1
Empfohlen ab 10
So grausam kann doch im Ernst keine Mutter sein, ihrem Kind diese Bürde aufzuladen? Aber offenbar doch? Es gibt gleich zwei solcher verlorener Kinder in dieser Geschichte, die von Anfang an nichts anderes sind als eine einzige Verzweiflung. Das eine ist das Mädchen Mig, ein einfältiges, zurückgebliebenes und herumgestoßenes Wesen. Das andere ist ein Junge, Despereaux Tilling, der jüngste und in jeder Hinsicht mickerigste Spross einer respektablen Mäusefamilie. Wenn aber nun diesem Despereaux eine Geschichte zugeschrieben wird, dann muss sie selbstverständlich auch immer unter dem Damoklesschwert des Scheiterns stehen. Wir gehen also zögerlich und desillusioniert an die Sache heran.
Das weiß die Autorin. Und sie nimmt uns an die Hand. Liebevoll und weitsichtig rückt sie die Dinge ins rechte Licht, lässt uns selbst Erkenntnisse formulieren, bestätigt sie freundlich und redet begütigend mit uns. Offenbar liegt ihr viel an ihrem "lieben Leser". Dieser muss keinesfalls ein Kind sein, ganz und gar nicht! Denn das, was uns da erzählt wird, ist eigentlich eine Parabel, die viel tiefere Erkenntnisse vermitteln will, als sie Kindern normalerweise zugemutet werden. Aber das muss auch wiederum nicht ganz so ernst genommen werden, denn schließlich haben wir es mit einer Mäusegeschichte zu tun und diese sind gemeinhin in der Kinderliteratur beheimatet. Außerdem gibt es so viele Lächerlichkeiten in der Geschichte, dass es dem "lieben Leser" auch ein bisschen zu unernst erscheinen kann. Wiederum ein Indiz für eine Kindergeschichte. Nun ja, verständigen wir uns darauf, dass sie beide lesen können, Erwachsene und Kinder und ich glaube, beide mit viel Vergnügen.
Kate DiCamillo hat in ihrem neuen Roman einen völlig anderen Ton gefunden, als in ihrem ersten sehr bemerkenswerten Buch Winn Dixi. Sie hat auch ganz auf moralisierende Lösungen verzichtet, vielmehr entwickelt sie einen wirklich köstlichen Humor, der schon manchmal an Ironie grenzt, aber ohne jede Schwermut. Dies ist etwas sehr Seltenes in der Kinderliteratur. Mir hat diese neue Tonart außerordentlich gut gefallen und für mich macht das den wesentlichen Reiz dieses Buches aus. Die Ironie bezieht sich dabei nicht nur auf Inhalte, wie die Persiflierung kitschiger Ritterromane, die Entlarvung der hohlen königlichen Existenzen und die Verballhornung französischer Lebensart, sondern sie ist in der Konstruktion des Buches angelegt und die Autorin zieht hier sehr geschickt die Fäden. Dabei wird ein wirklich großes schriftstellerisches Können deutlich. Aber nun zur Geschichte!
Despereaux, der winzige Mäuserich, ist mit offenen Augen geboren. Wenn seine vornehmen Mutter französischer Herkunft es nicht schon vorher gewusst hätte, dieser Umstand allein wäre schon Grund genug, dieses Kind als Missgeburt und Lächerlichkeit zu kennzeichnen. Noch nie ist eine Maus mit offenen Augen geboren, also ist Despereaux keine richtige Maus. Er hat viel zu große Ohren, ist viel zu klein und schon bald entwickelt er Eigenschaften und Vorlieben, die nur bestätigen, dass er einfach nicht dazu gehört. Despereaux hat lieber die Augen und Ohren offen, als sein Maul. Er entdeckt in der Bibliothek, dass die Bücher, die er anknabbern soll, Geschichten enthalten, die er lesen kann. "Es war einmal", diese Worte sind die Türe zu einer ganz anderen Welt. Er liest die eine Geschichte immer wieder. Sie erzählt von einem verliebten Ritter, der seine Angebetete über alles verehrt, für sie die mutigsten Taten vollbringt und mit ihr schließlich glücklich bis ans Ende seiner Tage lebt.
Man wohnt im Schloss, wo man sich tunlichst niemals von Menschen sehen lässt, denn der König hat alle Grauschwänze mit Bausch und Bogen verdammt, seit das große Unglück mit seiner Frau geschah. Daran war eine Ratte Schuld. Das ungeratene Kind Despereaux ist aber durch seine Hingabe an die lieblichen Töne der Musik, die aus dem königlichen Kinderzimmer kommen und durch seine Neigung zum Lesen so selbstvergessen, dass es die Anwesenheit von Menschen gar nicht bemerkt und auch nicht fürchtet. Als Despereaux die holde Prinzessin kennen lernt, verliebt er sich unsterblich in sie. Abartig finden das seine Geschwister, sein Vater und auch der Mäuserat, der schleunigst einberufen wird. Auf Antrag des eigenen Vaters wird der Junge zum Tode verurteilt. Man bindet ihm die rote Schnur um den Hals und wirft ihn ins Verlies des Schlosses, aus dem noch nie eine Seele wieder lebend hervor gekommen ist. Dort ist es stockfinster, dort herrschen die Ratten, die nur darauf warten, andere leiden zu lassen und sie zu zerstören.
Doch das Schicksal hat für Despereaux etwas anderes vorgesehen. Er trifft auf Umstände, die ihm hilfreich sind und er überlebt, nicht zuletzt wegen seiner naiven Verliebtheit und Unerfahrenheit.
Parallel zur Geschichte Despereauxs wird uns nun die Geschichte des Mädchens Mig berichtet, die inzwischen auch im Schloss eingetroffen ist. Ihr Vater vegetiert ebenfalls im Verlies; er ist wegen Diebstahls verurteilt. Hier quält ihn, dass er einst sein eigenes Kind verkaufte, statt sich um es zu kümmern. Mig ist nur herum gestoßen worden und hat niemals irgendeine Wahl gehabt. Sie ist einfältig und grob, hat aber, seit sie einmal die Prinzessin von Weitem erblickte, eine einzige Vision: sie will auch Prinzessin sein. Mig wird zum gefügigen Spielball der bösen Ratte Roscuro, die eigentlich Ciaroscuro also "Hell-Dunkel" heißt. Und mit dieser Figur kommt das große Thema der Geschichte in den Blick: der Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, oder zwischen Gut und Böse. Ciaroscuro alias Roscuro ist ein Wesen, das der Dunkelheit zugehört, dem aber eine unstillbare Sehnsucht nach Licht eigen ist. Er kann das Böse in seiner Natur nicht unterdrücken und besiegen, er kann nur denen, die im Licht sind Schaden und Schmerz zufügen. Darin liegt seine Leidenschaft. Mit solchen Gegnern hat es der Winzling Despereaux zu tun!
Es wird ein teuflischer Plan ausgeheckt, wie die holde Prinzessin vernichtet werden soll. Rache, Gemeinheit, Lügen, Eitelkeit, alles spielt eine Rolle. Despereaux, der inzwischen viel Erfahrung gesammelt hat und wahrhaft erwachsen geworden ist weiß, dass nun seine Prüfung bevorsteht. Er muss wie jener Ritter unerschrocken und mutig "Erbse", die Prinzessin, retten.
Die Frage ist nur, was es mit der Märchenformel aus der alten Rittergeschichte auf sich hat. Was bedeutet das denn "und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage?
Mit dieser heiteren, reizvollen Geschichte, die mit vielen Motiven spielt und dennoch eine klare Linie hat, ist Kate DiCamillo ein sehr schönes Buch gelungen, dem man viele große und kleine Leser wünscht.
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