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Rezensionen von Elisabeth Simon-Pätzold

Amos Oz
Sumchi
1978 Hanser
ISBN-10: 3-423-62025-0

Empfohlen ab 10
cover

Dieses Buch ist vor allem ein Buch über Kinder. Es ist für Erwachsene sicher noch aufschlussreicher und interessanter als für heutige junge Leser. Dennoch kann es auch für unsere Kinder zu einem wichtigen Buch werden. Schwierig ist die Einschätzung der Zeit und auch des Raumes, in dem die Geschichte spielt: Jerusalem im Jahre 1947, die Engländer haben Palästina besetzt und sind gehasst als Besatzungsmacht. Fremd ist auch die jüdische Mentalität und das jüdische Leben samt seinen Riten und kulturellen Eigenarten. Sehr nahe am kindlichen Verstehenshorizont ist jedoch die Parallele zu dem bekannten Märchen von der goldenen Gans. Hier bekommt Sumchi eine Kostbarkeit geschenkt, ein Fahrrad. Noch am selben Tag lässt er es sich abhandeln für eine wunderschöne mechanische Eisenbahn, ebenfalls noch an diesem Tag wird ihm die Eisenbahn weggenommen für einen verwilderten Hund und der Hund läuft weg und Sumchi findet einen metallenen Spitzer. Das ist alles, was ihm an diesem Tag von seinem Glück bleibt. Das alles ist so witzig, ironisch und traurig erzählt, dass man tief beeindruckt und auch außerordentlich gut unterhalten ist. Einerseits ist der Ich-Erzähler ein erstaunlich kluges Kerlchen, andererseits ist er aber auch ganz Kind und lässt sich tölpelhaft übers Ohr hauen, ist abhängig von den Urteilen seiner Schulkameraden und kommt in größte Not wegen seiner geheimen Liebe zu einer Schulkameradin, der er nach außen nur mit Gemeinheiten und Herabwürdigungen begegnet. Er ist als Junge in einer typisch pubertären Situation, hängt zwischen Baum und Borke und kämpft mit einem typischen jüdischen Dickkopf und seiner Großmauligkeit.

Sumchi erhält diesen Spitznamen einmal im Geografieunterricht. Alle lachen und es ist ihm besonders peinlich vor Esthi, für die er insgeheim schwärmt. Er hat schon Liebesgedichte für sie in ein geheimes Tagebuch geschrieben. Sumchi hat einen verrückten Onkel, der Bruder der Mutter, der ihm immer etwas mitbringt. Einmal, und das ist im Jahr 1947 während der Besatzungszeit in Palästina, schenkt dieser Onkel ihm aus heiterem Himmel ein Fahrrad. Er ist schwindelig vor Glück. Nur einen Fehler hat das Geschenk, es hat keine Fahrradstange, sondern ist offensichtlich ein Frauenrad. Dennoch ist das etwas ganz Großartiges. Sumchi schwört, dass er auf der Straße vorsichtig sein will und sich an die Verkehrsregeln halten wird und dann geht es los. Er besucht seinen besten Freund. Dieser hat wohlhabende Eltern und alles ist hochherrschaftlich. Aber der Freund darf aus Prinzip kein Fahrrad haben, weil man um sein Leben Angst hat. Dieser Freund zeigt Sumchi seine wunderschöne Eisenbahn, weiß wie gerne Sumchi so was hätte und schlägt ihm einen Handel vor. Das Fahrrad gegen die Eisenbahn! Sie machen einen Vertrag. Der kränkende Makel an dem Fahrrad mag den Ausschlag geben, auf alle Fälle lässt Sumchi das Fahrrad in einem Schuppen versteckt stehen und geht mit der Schachtel nach Hause. Unterwegs wird er von einem Rowdy seiner Klasse aufgehalten, der Chef einer Clique ist. Dieser will wissen, was in der Schachtel ist und lässt Sumchi nicht weiter. Er konfisziert die Schachtel mit der Drohung, das geheime Tagebuch Sumchis, das er gestohlen hat, der Öffentlichkeit preiszugeben. Sumchi bekommt von ihm einen Hund. Offenbar ist das ein gefährliches Tier. Goel, der Junge, führt ihm aber vor, wie er aufs Wort gehorcht. Nun zieht Sumchi einen Hund hinter sich her. Doch noch bevor er zu Hause ist, zerreißt der Hund das Seil und haut ab auf Nimmerwiedersehen.
Sumchi traut sich nicht nach Hause. Und als er dann doch heim geht, gibt es ein Donnerwetter, so dass er abhaut und wieder nach draußen rennt. Er will nie mehr heim kommen. Er lungert in den Gassen herum und sitzt bei Einbruch der Dunkelheit auf einem Treppenabsatz. So findet ihn der Vater von Esthi, jener Schulkameradin, die er heimlich liebt und öffentlich demütigt. Der fragt ihn höflich, ob er helfen könne und Sumchi tischt ihm eine Lüge auf, er hätte sich von Zuhause ausgesperrt. Der Mann nimmt ihn mit und Sumchi bekommt etwas zu essen und das Angebot, bei Esthis Familie zu übernachten. Man lässt ihn wählen, ob er im Wohnzimmer schlafen will oder im Zimmer von Esthi. Esthi wäre einverstanden. Nun tut sich noch einmal das Glück auf vor Sumchi und er weiß nicht, was er machen soll. Schließlich landet er in Esthis Zimmer und diese verlangt kühl, er müsse ihr eine schöne Geschichte erzählen. Sumchi ist für seine Geschichten bekannt. Die beste Geschichte ist die von Ubangi-Schari, einem Phantasieort, an dem er glücklich mit Esthi zusammen leben will. Sumchi erzählt schließlich Esthi alles, alles auch seine Träume.

Am nächsten Tag holen ihn seine Eltern ab. Der Vater bringt die ganze Kette der Verwicklungen wieder in Ordnung, so dass Sumchi am Ende sein Rad wieder hat, allerdings mit einem monatelangen Fahrverbot. Und er hat Esthi, wenigstens für einen Sommer.

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